
VORHOF2 - VIDEO: "Um jeden Preis"
(Copyright: Martin Stock, 2009)
KONZEPT des Künstlers Martin Stock (mashART) ZUM VIDEO
Man kann sich an Hand des Liedes/Videos mit dem Thema Essstörung intensiv auseinander setzen, auf schockierende Bilder oder allzu provozierende Aussagen haben wir aber bewusst verzichtet. „Um jeden Preis“ ist ein freibleibendes Angebot und keine erzwungene Konfrontation... ein „weicher“ Einstieg in die Thematik. Wir vertrauen auf den (Intellekt, Gefühl) Menschen und verzichten auf übliche, oberflächliche Eye-Catcher. Magersucht ist „nur“ eine von vielen Äußerungen der Essstörung (M, B, Essattacken, krankheitswertiges Gesundessen). Essstörungen sind für das soziale Umfeld der Betroffenen meistens bzw. lange nicht sichtbar...
Essstörung ist eine von vielen psychosomatischen Krankheiten. Es sind jedoch meist mehrere Einflussfaktoren und Auslöser beteiligt:
- Schlankheitskult in unserer Gesellschaft
- die weite Verbreitung von Diäten (Einstiegsdroge)
- die Situation in der Familie, sozialem Umfeld
- die ganz persönliche Situation
Im Video arbeitet Martin Stock (mashART) mit zwei Handlungsebenen in unterschiedlichen Ausprägungen. Vera und Jürgen: das „Erleben“ der Krankheit aus der Perspektive von Betroffenen. Training: das Leben in einem der Systeme unserer Gesellschaft / Blick von Außen.
ERSTE HANDLUNGSEBENE
Die Aufnahmen mit Vera Prantl und Jürgen Ludescher wurden in mehreren Situationen gemacht und in folgender Reihenfolge ins Spiel gebracht:
1. Studio (neutral, mehrere Blickwinkel)
2. Felsmassiv (neutral, unterschiedliche Standorte)
3. Felsmassiv mit Felsgeröll/Bagger (ab erstem Refrain)
4. Studio (Fotosession)
5. Schokoladenfabrik
Die Wechsel definieren Lebenssituationen, die unterschiedlichen Ausarbeitungen unterliegen ... und damit gleichzeitig unterschiedliche physische Zustände definieren. Damit durchleben die beiden Protagonisten in einem fiktiven Leben einen fiktiven Krankheitsverlauf.
Optische Umsetzung
Hier visualisiert sich die Psyche aus der eigenen Perspektive: dunkle, farblich reduzierte, künstlich wirkende Bilder... sollen eine düstere, beklemmende Traurigkeit des eigenen Seins voller Unzulänglichkeiten und Zwänge zum Ausdruck bringen.
Kamera-Sucher... im Fokus für unangenehme äußere Beeinflussungen
Duplex... fixiert auf eine Sache (Essen im Mittelpunkt jeglichen Denkens)
ZWEITE HANDLUNGSEBENE
Ursprünglich wollte Martin Stock mit plakativen Aufnahmen einer Modeschau arbeiten – wobei das mittlerweile fast schon wieder zu provokativ wäre:
- ausnahmslos knabenhaft wirkende Modelle des Karl Lagerfeld
- Heidi Klum bei GnTM... „Kandidatin zu dick“ (bei einem Body-Mass-Index von 16,8)
- Miss Australien 2009 Stephanie Naumoska mit 1,80 m bei 49 kg (BMI 15,1)
Mit den Trainingssequenzen ließen sich die „Herausforderungen der modernen Gesellschaft an die Menschen“ jedoch wesentlich subtiler als mit Catwalk-Sequenzen darstellen. Die jungen Frauen (Absolventinnen des Sportgymnasiums Dornbirn 2009, die sich hierzu freundlicherweise filmen ließen) repräsentieren in diesen Sequenzen quasi die „Masse bestehend aus Individuen, die sich in unserer Gesellschaft bewegen (müssen)“.
So ließen sich u.a. folgende Aspekte visualisieren:
1. Vermeintlicher Anspruch der Gesellschaft bzw. unterschiedlichsten Systeme an die Menschen
2. Anpassungsfähigkeit/Manipulierbarkeit (Schema / Gleichklang)
3. Ausfallrate auf dem Weg zum vermeintlichen „Ziel“ (Negierung des Gemeinwohls)
Einschub: Keinesfalls soll mit „Um jeden Preis“ Tanzen oder Turnen angeprangert werden. Diese Sportarten haben sich lediglich zur Visualisierung bestens geeignet! Es geht um das „System“ Sport, in dem nicht das Wohlbefinden bzw. die Gesundheit, sondern einzig die Leistung im Mittelpunkt steht.
In der zweiten Handlungs-Ebene hat der Künstler wie in der ersten Handlungsebene mehrere Situationen mit dokumentarischer Dramaturgie ins Spiel gebracht:
- Pirouette: zu erreichendes Ziel, bzw. vom jeweiligen System honorierter Erfolg
- Closeups: Individuen – Überreizung / selektive Wahrnehmung / Manipulation durch ...
- gemeinsame Schritte (Ausblendung von Individualismus durch systemisierte Normierungen)
- erste Ausbrüche: Masse agiert im Gleichklang, für einzelne verändert sich die Situation
- Beinarbeit: Legende, dass hinter jedem Erfolg einzig harte, nachhaltige Arbeit steht
- Trampolin: Annahme der Herausforderung und Chancensuche...
- Fotograf: Beeinflussung, Manipulationsmöglichkeit
- Schokoladenfabrik: ständige Versuchung, Versagen als Konsequenz
Optische Umsetzung
Die zweite Handlungsebene wird von Ausschnitten aus einem Beitrag über das Thema „Essstörung“ einer fiktiven TV-Dokumentation in schlechter, technischer Qualität getragen. Um diesen Eindruck zu verstärken wurden die Sequenzen optisch an das Bild eines alten Röhrenfernsehers angelehnt und mit einer Bauchbinde aus der „Anfangszeit“ inklusive Kommentar einer fiktiven Betroffenen (Kara) versehen. Der Ausspruch selbst beschreibt die Tragik des Krankheitsbildes mit wenigen Worten... und lässt den Ausgang bewusst offen (so wie das Video selbst übrigens auch). Die Gewichtung von Berichterstattung... ein zynischer Seitenhieb auf die geistige Welt unserer Kinder verödenden Unterhaltungsmedien.
Mit dem zweiten Refrain überschneidet sich die optische Umsetzung beider Ebenen... Vera und Jürgen landen quasi im TV (wenn die Krankheit sichtbar wird).
EXKURS: "BEIHILFE" DER MEDIEN
Den Medien stehen eine Fülle von Manipulationsmöglichkeiten zur Verfügung. Das Potential der Machtausübung ist enorm. Manipulation erfolgt etwa durch:
- Subjektive Auswahl der Themen zur Berichterstattung
- Meinungsbildung: verfälschte/übertriebene/fehlende Informationen
- Meinungsbildung: Analysen bekannter Persönlichkeiten
- Meinungsbildung: Werbung (Marken-Fetischismus, Schönheitswahn, Überschuldungs-Konsum)
- Meinungsbildung: propagandistische Berichterstattung: Steuerung ganzer Bevölkerungen
ÜBRIGENS
Nahezu jeder Mensch hält nur die anderen Menschen für manipulierbar (der Third-person-Effekt ist jedoch eine Scheinsicherheit, die erst recht anfällig macht).
Alleine in Paris versuchen jährlich 4.000 neue Modelle in den Markt zu drängen – viele sind bereit, alles dafür zu tun; 4 Jahre kann ein erfolgreiches Modell im Schnitt mit Arbeit rechnen...
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